Die Erbse steht exemplarisch für die Herausforderungen einer nachhaltigen Landwirtschaft: ökologisch sinnvoll, agronomisch interessant, wirtschaftlich jedoch kein Selbstläufer. Wie das Projekt „Digitalisierung pflanzlicher Wertschöpfungsketten“ (DiP) mittels effizienter Optimierung von Anbau, Züchtung, Verarbeitung und Prozessdigitalisierung neue Wertschöpfungspotenziale generieren und damit Impulse für einen gelungenen Strukturwandel in Sachsen-Anhalt setzen kann, lässt sich am Beispiel des Erbsenanbaus zeigen.
Professorin Annette Deubel leitet das Arbeitspaket Anbauforschung im Projekt DiP-DiPisum des DiP-Verbunds. Im systemischen Ansatz des Projekts sieht sie besonders viel Potenzial: „Bei uns wird die gesamte Wertschöpfungskette in der Landwirtschaft abgedeckt. Wir arbeiten darauf hin, aus landwirtschaftlich verfügbaren Produkten innovative neue Produkte mit nachhaltigem Zukunftspotenzial zu entwickeln, hochwertige Verarbeitung hier im Land weiter zu befördern und zu etablieren.“ Am Beispiel des Erbsenanbaus lasse sich das gut zeigen: „Die Erbse bringt erhebliche ökologische Vorteile mit und hat das Potenzial zu einer nachhaltigen Proteinquelle der Zukunft zu werden. Als Leguminose kann sie Stickstoff aus der Luft fixieren und reduziert so den Bedarf an mineralischem Dünger, was ein Plus für die CO₂-Bilanz ist. Gleichzeitig ist ihr Anbau jedoch anspruchsvoll“, so Deubel, „denn sie stellt zum Beispiel hohe Anforderungen an Fruchtfolge und Anbaupausen.“ Stabile Erträge erforderten viel Erfahrung und angepasste Verfahren.
Digitalisierung als Effizienztreiber
„Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel“, sagt die Professorin, die an der Hochschule Anhalt Pflanzenbau und Pflanzenproduktion lehrt. „In der Züchtung helfen digitale Verfahren zum Beispiel, große genetische Ressourcen gezielt nach gewünschten Merkmalen zu screenen, etwa nach Geschmackseigenschaften, Proteinzusammensetzung oder Widerstandsfähigkeit. Das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) Gatersleben ist uns dabei als Verbundkoordinator ein wichtiger Partner.“ In der Pflanzenproduktion ermöglichten Drohnenüberflüge und Sensorverfahren eine systematische Bestandsanalyse – eine Kompetenz, die wiederum die Forschungsarbeit der Hochschule Anhalt einbringen kann. Stress, Krankheiten oder Schädlingsbefall könnten damit frühzeitig erkannt werden, um gezielt zu reagieren. Gleichzeitig lassen sich Varianten im Versuchswesen präzise vergleichen und Anbauverfahren optimieren. Auch Düngung und Pflanzenschutz können so zielgerichteter und präziser erfolgen, erläutert Deubel. Digitalisierung wird damit zum Effizienzfaktor im Anbau und zur Grundlage für stabile, definierte Rohstoffqualitäten.
Qualität muss reproduzierbar sein
Denn die entscheidende Hürde liegt oft nicht auf dem Feld, sondern im Markt. Die Professorin beschreibt die Problematik anschaulich: „Mit einer Charge ist ein sehr guter veganer Joghurt zu machen, mit der nächsten Charge geht es auf einmal nicht mehr.“ Denn Erbsenproteine seien bislang nicht ausreichend standardisiert verfügbar. Auch an dieser Stelle setze wieder die Forschungsexpertise des DiP-Verbunds an: Wie lassen sich die entsprechenden Prozesse daraufhin optimieren, die Produkte standardisieren und Verarbeitungsschienen weiterentwickeln?
Anne-Karen Beck, im DiP-Projekt zuständig für den Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis, formuliert den Anspruch klar: der entscheidende Knackpunkt sei der Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. „Marktfragen werden in allen Verbundprojekten von Beginn an mitgedacht: Wer ist der Markt? Welche Preise sind realistisch? Welche Partner fehlen noch?“ So soll aus den Forschungsergebnissen die notwendige, praxisnahe wirtschaftliche Perspektive für die Region entstehen.
Regionale Stärke ebnet Weg zum Strukturwandel
Gerade Sachsen-Anhalt biete dafür günstige Voraussetzungen. Deubel verweist auf eine „einmalige Ballung von Forschungskompetenz“ sowie auf „große Betriebsstrukturen, die Investitionen in Innovation erleichtern und relevante Produktmengen für die Verarbeitung bereitstellen“ können. Große Betriebe seien zudem eher in der Lage, neue Kulturen zu integrieren und weitere Standbeine zu entwickeln. Vom nachhaltigen Anbau über digital gestützte Qualitätssteuerung bis zur regionalen Verarbeitung hochwertiger Produkte, zeigt sich damit am Beispiel der Erbse wie ein erfolgreicher Strukturwandel in der Landwirtschaft konkret aussehen kann. Gelingt die Verzahnung, entstehen neue Verarbeitungsschritte, neue Geschäftsmodelle und perspektivisch auch neue Arbeitsplätze. DiP versteht sich damit nicht nur als Forschungsverbund, sondern als Brücke zwischen landwirtschaftlicher Praxis, industrieller Verarbeitung und wirtschaftlicher Transformation.
Dieser Beitrag basiert auf der Episode 9 des Podcasts „Talking Plants“ von Farmerspace, dem Experimentierfeld für die digitale Landwirtschaft. Das Projekt wurde gefördert durch das BMLEH und getragen durch die BLE (FKZ 28DE104A18). Für die Website wurde das Gespräch redaktionell gekürzt und in Textform aufbereitet. Die vollständige Podcast-Folge können Sie hier anhören.